„Warum wollt ihr euer Schiff auf schnellstem Weg ins Mittelmeer überführen? Nehmt euch doch Zeit für den Atlantik! Wenn ihr in Tidenrevieren segeln könnt, könnt ihr auf der ganzen Welt segeln.“
Diese Frage meines Prüfers bei der FB2-Praxisprüfung in Pirovac war der Startschuss für eine Planänderung. Aus unserem Überführungstörn wurde ein Ausbildungstörn – und drei Monate später sind wir ihm immer noch dankbar, dass er mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat.
Nun ist es soweit: Wir haben das erste Quartal unserer Reise mit Boomer abgeschlossen und den Meilenstein Gibraltar erreicht. Boomer ist im Mittelmeer angekommen! Zur Feier des Tages hat er eine Passerelle bekommen – ab jetzt heißt es Römisch-Katholisch anlegen und Muringleinen statt Fingerstege.
Rückblick auf drei lehrreiche Monate
Die ersten zwei Wochen verbrachten wir mit Skipper Matthias, der uns intensiv schulte. Als er in Cherbourg von Bord ging mit den Worten: „Ihr seid nun in der Lage, alleine weiter zu segeln“, fühlte sich das an wie ein Ritterschlag.
Der Ärmelkanal hat es uns angetan – gleich vier Mal haben wir ihn gequert. Wir staunten über die Tidenhübe in der Normandie, flogen durchs Race von Alderney und genossen die gelebte Seemannschaft in England. Je näher wir dem Mittelmeer kamen, desto seltener wurde sie. Die korrekten englischen Funksprüche werden wir vermissen – over.
Bretagne, wir kommen wieder – Concarneau und die unzähligen Meeresschätze bleiben unvergessen.
Noch schnell den Golf von Morbihan erkundet – bei Springtide und Strömungen, die uns Respekt einflößten – und dann kam der große Tag der Biskaya-Überquerung. Geplant war ein 6-Tage-Schlag direkt bis Lagos und Portugel, quer durch die Biskaya und danach auf dem 10. Breitengrad, möglichst weit draußen, um dem Jagdrevier der Orcas zu entgehen.

Die Biskaya – und ein Lehrstück in Gelassenheit
Aus dem vorhergesagten Westwind wurde Südwest, und so kämpften wir uns hart am Wind durch hohe Wellen. Die Abdrift zerrte an den Nerven, und der Plan einer Atlantiküberquerung schien kurz in weite Ferne zu rücken. Als dann auch noch Flautenlöcher kamen, wuchs bei mir die Diesel-Angst – Christoph blieb gelassen: „Der Diesel reicht locker bis Lagos!“
Schlussendlich entschieden wir uns für Cascais, verließen den 10. Breitengrad – und genau da tauchten sie auf: viele schwarze Rückeflossen. Adrenalinschub! Orcas? Nein – Delfine, die uns ins sichere Wasser eskortierten.
Die Biskaya war anstrengend, aber sie hat uns gezeigt: Wir können auch zu zweit längere Non-Stop-Passagen segeln – und wir haben Lust auf mehr. Atlantik 2026? Unbedingt!
Spoiler: In Cascais hatten wir immer noch ein Drittel im Tank.

Entlang der Küste bis Gibraltar
Von Cascais ging es auf der 20-Meter-Tiefenlinie weiter südwärts. Anfangs war die Küste Portugals mit ihren Felsen noch abwechslungsreich, ab dem Kap de São Vicente wurde es eintöniger – und der Wind kam ständig von vorn. Segeln? Fehlanzeige. Die Algarve mit ihren Hotelburgen tat ihr Übriges.
Zwischendurch flackerte die Diskussion auf, ob wir nicht doch von der 20m-Tiefenlinie abweichen sollten, aber Christophs eiserne Versicherungs-Gene setzten sich durch – zum Glück, denn so kamen wir sicher und stolz in Gibraltar an.
Jetzt geht es weiter nach Almerimar, wo Boomer eine Pause bekommt, während wir für zwei Wochen nach Wien fliegen. So entgehen wir der Sommerflaute und den überfüllten Häfen im August.
Fazit: Aus einer schnellen Überstellung wurde eine intensive, lehrreiche Reise mit vielen neuen Erfahrungen. Das Mittelmeer hat nun seine Chance – aber im nächsten Jahr gehts zurück auf den Atlantik!


